John Cleese hielt diesen Vortrag 1991 für Video Arts, eine Firma für Schulungsfilme, die er 1972 mitgegründet hatte. Das Video dauert 36 Minuten. Cleese eröffnet mit der Behauptung, Kreativität lasse sich nicht erklären, und erzählt Glühbirnenwitze. Dann erklärt er sie doch. Der Vortrag ist 35 Jahre alt. Ich habe seither wenig gehört, was meine eigene Arbeit so genau beschreibt.
Kreativität ist eine Arbeitsweise
Cleese stützt sich auf Donald MacKinnon, Psychologe in Berkeley. MacKinnon untersuchte in den 1970er Jahren Architekten, Ingenieure, Wissenschaftler und Schriftsteller. Die Personen, die ihre Kollegen als besonders kreativ einschätzten, hatten den gleichen IQ wie die übrigen. Der Unterschied lag anderswo: Die Kreativen konnten sich in eine bestimmte Stimmung versetzen. MacKinnon nannte diese Stimmung die Fähigkeit zu spielen. Cleese formuliert es so: «Kreativität ist kein Talent. Sie ist eine Arbeitsweise.»
Der offene und der geschlossene Modus
Cleese beschreibt zwei Zustände. Im geschlossenen Modus arbeiten wir die Liste ab. Wir sind zielgerichtet, leicht angespannt, ungeduldig und selten humorvoll. Im offenen Modus sind wir entspannt, neugierig und verspielt. Nur dort entsteht etwas Neues.
Sein Beispiel ist Alexander Fleming. Auf einer seiner Petrischalen wuchs keine Kultur. Im geschlossenen Modus wäre die Schale Abfall gewesen. Fleming wollte wissen, warum dort nichts wuchs, und fand das Penicillin. Cleese fasst zusammen: Im geschlossenen Modus ist die leere Schale ein Ärgernis, im offenen ein Hinweis.
Der offene Modus ist kein Dauerzustand. Ist die Lösung gefunden, wechseln wir in den geschlossenen Modus und setzen sie ohne Zweifel um. Cleese vergleicht das mit einem Sprung über eine Schlucht: Kurz vor dem Absprung prüft niemand mehr Alternativen. Nach der Umsetzung folgt wieder der offene Modus, um das Ergebnis zu beurteilen. Das Problem: Die meisten von uns bleiben im geschlossenen Modus stecken. Cleese nennt Politiker als Beispiel. Sie hängen am Adrenalin des stündlichen Reagierens und verlieren die Fähigkeit, ein Problem in Ruhe zu durchdenken.
Fünf Bedingungen
Cleese nennt fünf Dinge, die den offenen Modus möglich machen: Raum, Zeit, Zeit, Vertrauen und Humor.
Raum. Ein Ort ohne Störung. Telefon aus, Tür zu.
Zeit, erstens. Eine feste Dauer mit Anfang und Ende. Cleese zitiert den Historiker Johan Huizinga: Spiel ist vom Alltag getrennt, in Ort und Dauer. Es beginnt und hört an einem bestimmten Punkt auf. Cleese empfiehlt 90 Minuten. 30 Minuten reichen nicht, weil der Kopf die ersten Minuten mit unerledigten Kleinigkeiten verbringt. Ein halber Tag ist zu lang. Besser 90 Minuten heute und 90 Minuten nächsten Donnerstag.
Zeit, zweitens. Beim Problem bleiben. Cleese erzählt von einem Monty-Python-Kollegen, den er für talentierter hielt als sich selbst. Dessen Drehbücher waren trotzdem weniger originell. Der Kollege nahm die erste brauchbare Lösung und ging um fünf nach Hause. Cleese blieb eine Stunde länger sitzen und fand meist etwas Besseres. MacKinnon fand dasselbe in seiner Forschung: Die Kreativsten hielten das Unbehagen des ungelösten Problems länger aus. Cleese’ Rat für den Alltag: Vor jeder Entscheidung fragen, wann sie fallen muss. Bis dahin nachdenken. Wer Entschlossenheit vorspielen will und deshalb alles sofort entscheidet, erstickt Kreativität am Anfang.
Vertrauen. Beim Spielen gibt es keinen Fehler. Wer Angst hat, etwas Falsches zu sagen, kann nicht spielen. Cleese zitiert Alan Watts: Spontan «innerhalb vernünftiger Grenzen» geht nicht.
Humor. Humor bringt uns schneller als alles andere vom geschlossenen in den offenen Modus. Cleese unterscheidet ernst und feierlich. Ein Gespräch über die Erziehung der Kinder bleibt ernst, auch wenn alle lachen. Feierlichkeit dient nach Cleese allein der Wichtigtuerei. Die zwei schönsten Trauerfeiern, die er erlebt hat, waren voller Humor.
Mit anderen spielen
Zu zweit oder zu dritt kommt Cleese weiter als allein. Die Bedingung: Spielkameraden, denen er vertraut. Eine einzige Person, die ihn in die Defensive drängt, beendet das Spiel. Deshalb sagt er in solchen Runden nie «nein», «falsch» oder «gefällt mir nicht». Stattdessen: «Wäre es noch besser, wenn …», «Erklär das nochmals», «Was wäre, wenn …». Als Vorbild nennt er japanische Sitzungen, in denen die Rangniedrigsten zuerst sprechen. So widerspricht niemand einem Vorgesetzten.
Neue Ideen entstehen wie Witze
Ein Witz verbindet zwei Bezugsrahmen an einer unerwarteten Stelle. Eine neue Idee tut dasselbe. Verbindungen herstellen ist einfach. Cleese sagt 1991, ein Computer erzeuge eine Milliarde zufällige Verbindungen, könne aber nicht sagen, welche davon «interessant riecht». Das kann allein die Intuition. Der Satz ist 35 Jahre alt. Ich lese ihn heute als Beschreibung meiner Arbeit mit Sprachmodellen.
Cleese verweist dazu auf Edward de Bono und dessen «intermediate impossibles»: absichtlich absurde Verbindungen als Zwischenschritt zu einer brauchbaren Idee. Beim Spielen ist auch das Absurde erlaubt.
Wie Chefs Kreativität verhindern
Die letzten zwei Minuten sind Satire. Cleese erklärt Vorgesetzten, wie sie Kreativität bei Mitarbeitenden unterbinden: Humor verbieten, bei jeder Beurteilung allein die Fehler nennen, Nachdenken als Faulheit bestrafen, ständig Dringlichkeit und Krisenstimmung erzeugen. Kurz: den Modus geschlossen halten. Wer den Vortrag bis hier geschaut hat, erkennt in der Liste wahrscheinlich eine Sitzung aus der eigenen Woche.
Warum schauen
Der Vortrag hat keine Folien. Cleese steht am Rednerpult und liest ab. Der Kern passt auf eine Karteikarte: Raum, Zeit, Zeit, Vertrauen, Humor. Der Rest sind Begründungen mit Beispielen aus Forschung und Praxis, unterbrochen von Glühbirnenwitzen.
Das Video liegt auf dem YouTube-Kanal von Video Arts. Wer mehr von Cleese sehen will, findet ihn auf dem offiziellen Kanal von Monty Python: Sketche, Ausschnitte aus den Filmen und Material aus dem Archiv. Die Sketche zeigen, wohin das Spielen mit Ideen führt.












