Warum wir dringend mehr Utopien brauchen – und wo man sie findet
Ich war noch keine zwanzig, wohnte im Berner Oberland, und die Welt dort oben war klein und übersichtlich. Was mich damals weit hinausbefördert hat, waren keine Reisen, kein Geld, keine Karrierepläne – es waren Bücher. Science-Fiction. Utopien. Geschichten, die mir zeigten, dass die Menschheit nicht zwingend scheitern muss, sondern dass es Wege gibt: andere, bessere, fremdartige – aber machbare. Diese Bücher haben mein Denken geformt, meine Haltung zur Welt, meinen Beruf, mein Leben. Das klingt pathetisch. Aber es ist trotzdem wahr.
Deshalb hat mich ein Interview, das heute auf Golem erschienen ist, so interessiert. Es geht um Karlheinz Steinmüller, eine der letzten lebenden Ikonen der DDR-Science-Fiction – und um eine Frage, die sich mir schon länger stellt: Warum haben wir verlernt, von einer besseren Zukunft zu träumen?
Ein unbequemer Zeuge
Wer war Karlheinz Steinmüller? Zusammen mit seiner Frau Angela schrieb er in der DDR Science-Fiction, die das System immer wieder taktisch umschiffte – und manchmal mit ihm arrangierte. Ihr Roman Andymon, 1982 erschienen, wurde 1989 von ostdeutschen Lesern zur beliebtesten DDR-Science-Fiction-Erzählung gewählt. Dreißig Jahre später setzte ihn eine Jury bei Tor-Online auf die Liste der 100 besten Sci-Fi-Bücher aller Zeiten.
Ich will das nicht beschönigen: Steinmüller hat in einem System gearbeitet, das Literatur als Instrument der Ideologie verstand. Er hat Selbstzensur betrieben. Er hat Kompromisse gemacht. Im Interview spricht er offen darüber – mit einer Ehrlichkeit, die mir imponiert. Er habe lieber ein bisschen revoluzzt als gar nicht, lieber zwischen den Zeilen geschrieben als geschwiegen. Wer bin ich, das zu verurteilen? Lieber jemand, der im Käfig singt und dabei die Stäbe anfeilt, als jemand, der verstummt.
Was aber bleibt, und was zählt, ist seine Haltung zur Zukunft. Steinmüller nennt es das positive Menschenbild. Die Überzeugung, dass Menschen in der Lage sind, tolerant miteinander zu leben, Differenzen zu akzeptieren und solidarisch etwas Gemeinsames aufzubauen. Er will dieses Bild nicht aufgeben – auch nicht heute, wo Autokraten auf Wählerinnen und Wähler warten, die das Träumen verlernt haben und froh sind, wenn jemand anderes es für sie übernimmt.
Das, sagt Steinmüller, sei die eigentliche Gefahr.
Das Dystopie-Loch
Er hat recht. Und er benennt damit ein Problem, das ich selbst seit Jahren beobachte.
Science-Fiction ist, was verfilmt und gestreamt wird, was in den Algorithmen auftaucht, was junge Menschen auf Bildschirmen sehen, fast ausschließlich dystopisch. The Last of Us. Black Mirror. The Hunger Games. Fallout. Severance. Alles gut gemacht, alles sehenswert – und alle zeigen eine Zukunft, in der die Menschheit gescheitert ist, scheitert oder gerade dabei ist zu scheitern. Das ist keine Kritik an diesen Werken. Es ist eine Bestandsaufnahme dessen, was Mainstream-SF gerade dominiert.
Das Problem: Wer nur Dystopien kennt, lernt keine Alternativen zu denken. Man lernt Angst, man lernt Resignation, man lernt, die Gegenwart für das kleinere Übel zu halten. Dystopien sind, wie Steinmüller es formuliert, notwendige Warnungen – aber aus Warnungen allein folgt nicht, was besser gemacht werden könnte.
Utopien hingegen, und das ist ihre unterschätzte Kraft, trainieren die Vorstellungskraft. Sie zeigen nicht, was kommen wird. Sie zeigen, was kommen könnte. Das ist ein fundamentaler Unterschied – der Unterschied zwischen Schicksal und Entscheidung.
Steinmüller nennt es Future Literacy: die Fähigkeit, überhaupt über Zukünfte nachzudenken, ihre Möglichkeiten zu erkennen und nicht nur ihre Bedrohungen. Wer nie utopische Geschichten gelesen, gesehen oder gespielt hat, ist in dieser Kompetenz unterentwickelt. Und das betrifft gerade junge Menschen in einem Ausmass, das mich besorgt.
Eine Generation ohne Träume?
Mein Sohn ist Teil der Generation Z. Ich beobachte, wie der Zugang zu Science-Fiction für seine Generation aussieht: Hörbuch-Plattformen voller Endzeitszenarien, Streaming-Dienste mit düsteren Zukunftswelten, Kurzcontent auf TikTok, der keine Zeit lässt für die langsame Entfaltung einer anderen Welt.
Lange Texte? Kein Thema. Dicke Romane? Schlechte Chancen. Das ist keine Faulheit, das ist eine andere Aufmerksamkeitsökonomie. Und wer junge Menschen für SF gewinnen will, muss diese Realität akzeptieren, bevor er sie verändern kann.
Die gute Nachricht: Es gibt Wege. Mehr als man denkt.
Zugänge für eine neue Generation
Anime als unterschätztes Tor
Anime ist bei der GenZ längst angekommen – und die japanische Animationskultur bietet erstaunlich viele utopische oder zumindest hoffnungsvolle SF-Welten, die im deutschen Mainstream kaum diskutiert werden.
Aria the Animation spielt auf einem terraformierten Mars, in einer Stadt, die Venedig nachempfunden ist. Keine Apokalypse, kein Kampf ums Überleben – sondern eine Geschichte über Schönheit, Verlangsamung und die Kunst, im Moment zu sein. Für jemanden, der von düsteren Welten müde ist, kann das eine Offenbarung sein.
Gurren Lagann ist das Gegenteil von Resignation: Eine Geschichte über zwei Jungen, die buchstäblich aus einem Loch in der Erde herausbohren und immer weiter, immer höher streben – bis zu den Sternen. Überdreht, laut, emotional – und von einer mitreissenden Energie, die an das glaubt, was Menschen leisten können, wenn sie wollen.
Dr. Stone denkt das Scheitern der Zivilisation nicht als Ende, sondern als Ausgangspunkt: Ein wissenschaftliches Genie baut die Menschheit mit Wissen und Neugier Schritt für Schritt neu auf. Weniger Dystopie als Labor-Abenteuer mit einem durch und durch optimistischen Grundton.
Spiele als Philosophie-Schule
Videospiele sind das Medium der GenZ. Und einige der tiefsten SF-Erfahrungen der letzten Jahre fanden auf Bildschirmen statt, auf denen man selbst handelte.
No Man’s Sky hat eine turbulente Geschichte hinter sich, ist heute aber eines der meditativsten SF-Erlebnisse überhaupt: ein schier unendliches Universum zum Erkunden, mit einem grundsätzlich optimistischen Bild von dem, was Zivilisationen über Jahrmillionen aufbauen können. Man kämpft selten. Meistens entdeckt man.
Mass Effect erzählt von einer Menschheit, die – nach einem holprigen Start – in eine galaktische Gemeinschaft aufgenommen wird und lernt, mit fremden Intelligenzen zu kooperieren. Der Grundton ist utopisch: Wir überleben. Wir wachsen. Wir werden Teil von etwas Grösserem.
Outer Wilds schliesslich ist in seiner Kategorie einzigartig: ein kleines Sonnensystem, eine Zeitschleife, keine Kämpfe – nur Neugier. Das Spiel belohnt ausschliesslich das Nachdenken, das Fragen, das Verstehen. Es ist das spielerische Äquivalent zu dem, was gute SF-Literatur tut: Es trainiert die Fähigkeit, die Welt anders zu sehen.
Für alle, die doch noch lesen
Wer den Einstieg ins utopische SF-Lesen sucht, dem empfehle ich zwei Bücher, die beweisen, dass Utopie nicht naiv sein muss.
Becky Chambers’ The Long Way to a Small, Angry Planet zeigt eine Zukunft, in der unterschiedlichste Wesen auf engem Raum miteinander auskommen müssen – und es irgendwie hinbekommen. Keine grossen Schlachten. Kein Untergang. Nur das mühsame, wunderbare Projekt des Zusammenlebens.
Ursula K. Le Guins The Dispossessed ist älter und anspruchsvoller – aber es ist vielleicht der klügste Roman über das, was eine Gesellschaft ausmacht, den ich je gelesen habe. Eine ambige Utopie, wie Steinmüller sie beschreiben würde: unfertig, im Werden, voller Widersprüche. Und genau deshalb wahr.
Träume, die wir selbst träumen müssen
Steinmüller erzählt im Interview von seinem Traummeister: einem Geschichtenmann, der Nacht für Nacht die Träume einer ganzen Stadt sendet. Der Rat der Stadt hatte eine Richtschnur für Lothrechtes Träumen – eine Vorschrift, was geträumt werden soll. Der Traummeister hielt sich nicht daran.
Steinmüllers eigentliche Botschaft aber war nicht die Rebellion des Einzelnen, sondern etwas Radikaleres: Am Ende soll jeder seinen eigenen Traum träumen. Nicht den Traum des Staates, nicht den Traum der Autokraten, nicht den Traum der KI, die uns die Zukunft erklärt. Den eigenen.
Das ist, glaube ich, das Wertvollste, was Science-Fiction leisten kann – nicht als Unterhaltung, sondern als Schule des Denkens: Sie gibt uns Bilder, Vokabular und Mut, uns vorzustellen, was noch nicht ist. Und dann zu fragen: Warum eigentlich nicht?
Aber vielleicht schicke ich ihm den Link zu Outer Wilds. Oder wir schauen zusammen eine Folge Aria. Oder ich schicke ihm dieses Interview einfach kommentarlos – mit der stillen Hoffnung, dass er versteht, warum.
Karlheinz Steinmüller wurde 1950 geboren und lebt in Deutschland. Das Interview mit ihm erschien am 22. Februar 2026 auf Golem.de, geführt von Tim Reinboth.
Links & Quellen
Das Interview
Anime
- Aria the Animation – Crunchyroll
- Gurren Lagann – Crunchyroll
- Dr. Stone – Crunchyroll
Spiele
- No Man’s Sky – Steam / PlayStation / Xbox
- Mass Effect Legendary Edition – Steam
- Outer Wilds – Steam / Xbox Game Pass
Bücher
- Becky Chambers, The Long Way to a Small, Angry Planet – Wikipedia
- Ursula K. Le Guin, The Dispossessed – Planet der Habenichtse Wikipedia




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