Ende Mai 2026 wurde bekannt: Ein vollständig KI-generierter Film läuft im offiziellen Programm des Tribeca Film Festivals. «Dreams of Violets» ist ein 75-minütiger Spielfilm über die iranischen Proteste vom Januar. Premiere ist der 10. Juni in New York. Das Studio Fountain 0, nennt ihn den ersten abendfüllenden, vollständig KI-generierten Live-Action-Film im regulären Programm eines grossen Festivals. Innert Tagen entstand eine breite Debatte: über Slop und Authentizität, über Arbeitsplätze und Trainingsdaten, über die Rolle von Festivals als Türsteher des Kinos.
Was feststeht, wer dafür ist und wer dagegen…
Mehrere unabhängige Branchenmedien bestätigen die Eckpunkte übereinstimmend, gestützt auf die Mitteilung von Fountain 0 und ein Statement der Festivalleitung:
- Der Film ist offiziell im Programm. Tribeca-Mitgründerin Jane Rosenthal bestätigte gegenüber dem Hollywood Reporter die Aufnahme und nannte den Film «a powerful example» neuer Technik im Dienst menschlichen Erzählens (Hollywood Reporter). Premiere ist der 10. Juni 2026 im AMC-Kino in New York; das Festival läuft vom 3. bis 14. Juni (Variety). Es handelt sich um das reguläre Programm, nicht um eine Nebenschiene.
- Wer ihn gemacht hat. Regie und Produktion liegen bei den aus Teheran stammenden Brüdern Ash und Pooya Koosha, beide 2009 aus dem Iran ausgereist. Produktionsstudio ist das britische Fountain 0 (Hollywood Reporter).
- Womit er gemacht wurde. Laut Studio entstand der Film in rund drei Monaten für etwa 2’000 US-Dollar, ohne Schauspielende, Sets oder Kameras. Eingesetzt wurden unter anderem Kling AI für die Videogenerierung, Google Nanobanana und Gemini für Bilder und Recherche sowie Anthropics Claude für sprachliche Bearbeitung. Blocking und Bildgenauigkeit steuerte Fountain-0-eigene Technik (Variety).
- Worum es geht. Der Film ist ein Dokudrama, inspiriert von realen Protesten in Teheran im Januar 2026. Er folgt fünf Menschen, die in einer Sackgasse zusammentreffen, beobachtet von Amir, einem zehnjährigen Jungen mit Zerebralparese. Die Opferzahlen der realen Proteste sind umstritten; sie reichen von offiziellen Regierungsangaben bis zu weit höheren Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen (World of Reel).





Was offen oder nur Behauptung ist: Die Etikette «erster vollständig KI-generierter Live-Action-Film im offiziellen Programm eines grossen Festivals» stammt von Fountain 0 selbst. Die Branchenpresse gibt sie als Anspruch des Studios wieder, nicht als geprüfte Tatsache. Auch die Kostenangabe von 2’000 Dollar ist eine Studioangabe; Kritiker halten sie für irreführend (siehe unten). Den menschlichen Anteil – Drehbuch, eingesprochene Stimmen, Bildgestaltung – betont das Studio, von aussen lässt er sich aber kaum verifizieren.
Die Debatte
Die Argumente dafür
Festival-Begründung – KI als Erzählmittel. Jane Rosenthal verteidigt die Programmierung: Tribeca habe «long championed artists who push the boundaries». Bewegt habe nicht der technische Coup, sondern die emotionale Dringlichkeit der Geschichte (Hollywood Reporter).
Der Regisseur – KI als einzig möglicher Weg. Ash Koosha argumentiert, ohne Zugang zu Iran, Crew oder Schauspielenden im Exil sei der Film anders nicht machbar gewesen. Die Alternative, so Koosha sinngemäss in seinem Statement, sei Schweigen und Vergessen gewesen – das vom Regime bevorzugte Ergebnis (Variety, Rolling Stone).
Demokratisierung – Werkzeug gegen finanzielle Schranken. Koosha und sein Bruder Pooya positionieren die Fountain-0-Technik als Hilfe für unabhängige Filmschaffende, deren grösste Hürde der Zugang zu Geld sei (Hollywood Reporter). Auch in der Online-Diskussion lobten Stimmen, dass die Brüder die klassischen Studio-Türsteher umgangen hätten (zusammengefasst bei CBC News).
Die Argumente dagegen
Ästhetik und Authentizität – «Slop». Am schärfsten urteilt Jaron Schneider in der bewusst einseitigen Kolumne des Ausgangsartikels: Der Film sehe «obviously AI generated» aus, die Gesichter wirkten hölzern, viele Einstellungen ergäben keinen Sinn (PetaPixel). Das ist eine pointierte Einzelstimme, aber auch Schneider hat noch nicht mehr als den Youtube-Trailer gesehen – und da hat für mich schon so mancher Film überhaupt keinen Sinn gemacht.
Arbeitsplätze – die Gewerkschaftsperspektive. Kate Ziegler, Präsidentin der kanadischen Schauspielgewerkschaft ACTRA Toronto, äusserte gegenüber CBC Sorge, dass KI Jobs vernichte und «the creative spirit of the humanity in us» beschädige; die Filmbranche sei dabei «a canary in the coal mine» (CBC News). Diese Sorge fügt sich in eine breitere Linie: SAG-AFTRA warnt seit Längerem, KI-Werkzeuge könnten «undercut the ability of human talent to earn a livelihood» (SAG-AFTRA).
Ressourcen und irreführende Kosten. PetaPixel-Autor Jeremy Gray hält die 2’000-Dollar-Angabe für irreführend und verweist auf den hohen Energieverbrauch generativer Videomodelle: Fünf Sekunden Video entsprächen laut MIT Technology Review grob einer Stunde Mikrowellenbetrieb (PetaPixel, Originalmeldung).
Urheberrecht und Trainingsdaten. PetaPixel weist darauf hin, dass die Standbilder des Films keinen Urheberschutz erhalten können, weil sie KI-generiert sind – ein Verweis auf ein US-Berufungsgerichtsurteil von 2025 (PetaPixel). Auf welchen Daten die Modelle trainiert wurden, bleibt in der Berichterstattung offen.
Dazwischen und Kontext
Festival-Gatekeeping im Wandel. Tribeca nimmt den Film ins reguläre Programm, während Cannes KI-generierte Filme aus dem offiziellen Wettbewerb verbannte. Der KI-Actionfilm «Hell Grind» lief in Cannes nur über den Marché du Film, nicht im Wettbewerb (Variety; zur Cannes-Debatte AI CERTs News). Die Festivals ziehen die Grenze also unterschiedlich.
Politisch heikles Sujet. Mehrere Beobachter, etwa Jordan Ruimy bei World of Reel, lesen die Programmierung als «risky». Sie vermuten aber, dass das politisch aufgeladene Thema Tribeca teils gegen Kritik abschirme (World of Reel). Dieselbe Befürchtung formuliert PetaPixel von der Gegenseite her: Kritik an der Technik werde als Kritik am Anliegen umgedeutet (PetaPixel). Die Online-Reaktionen waren laut CBC scharf geteilt.
Ash Koosha im O‑Ton
Im CBS-News-Interview vom 29. Mai 2026 zieht Koosha eine klare Grenze zwischen dem, was KI lieferte, und dem, was er selbst beisteuerte.
Mensch versus Maschine. «The writing of the script, the ideation, the blocking, the entire creative force to make decisions – that is humanmade. What you see on the picture, the end rendering of the footage, is made using AI models.» KI generierte also die Bilder; Drehbuch, Szenenaufbau, Schnitt, Ton und Musik blieben in seinen Händen.
Warum keine Crew, keine Schauspieler? Koosha beschreibt den Aufwand, der nötig gewesen wäre: «I had to sit and watch and research around 3,000 images and footages of the actual events. In order to create a collage of these locations, it would take months to even prepare the locations, have a large budget to allocate the props and the people.» Dann der entscheidende Satz: «There’s no way for me, not being a professional filmmaker, to go get millions of dollars to make this film. So it was just impossible.»
Geschwindigkeit als Notwendigkeit. Der Film entstand neben seinem Hauptberuf in zwei Monaten Abendarbeit. «I would have done this in three weeks if it wasn’t for my main job.» Für Koosha war Tempo kein Gimmick, sondern Teil der Aussage: eine persönliche, impulsive Reaktion auf ein Massaker, das nicht in Vergessenheit geraten soll.
Kein KI-Enthusiast. Bemerkenswert ist Kooshas Selbsteinordnung: «I’m not necessarily the most vocal advocate for AI the way it is. I’ve worked in AI research for ten years, but I’m not pro AI in general.» Er sieht seinen Film als Anfangspunkt, nicht als Blaupause – und distanziert sich von der Euphorie der Branche.
Nächster Film: mit echten Menschen. Für sein zweites Projekt ändert Koosha den Ansatz: «Now I’m actually getting real people. I’m licensing voices. I’m licensing faces. In a fictional setting, you can give people a share of the profit for the work they do.» Ein Modell, das die Gewerkschaftskritik direkt adressiert.
Handwerk schlägt Knopfdruck. Koosha schliesst mit einer Beobachtung, die über seinen eigenen Film hinausweist: «These models respond a lot better when somebody who knows the craft operates them – as opposed to just any consumer that would pick up these tools.» Die Demokratisierung hat Grenzen: Das Werkzeug ist billig, aber das Wissen, es einzusetzen, nicht.
Mein Kommentar
Wenn ich mir den Trailer genau anschaue, sehe ich auch die eine oder andere Einstellung, die nicht einfach in der Kamera so entsteht. Aber ich sehe keine, die man nicht so gewollt hätte. Bei einer konventionellen Produktion hätte man da wohl mit Spezialeffekten (auch mit KI) nachgeholfen.
Ich bin ja ein Verfechter vom Zweck, der die Mittel heiligt. Wenn er die Geschichte ohne KI nicht hätte erzählen können, oder auch nur schlechter, dann ist KI absolut der richtige Weg. Was ich ganz und gar nicht gelten lasse ist das Energie-Argument. Ja, KI Bewegtbilder verbrauchen Energie. Eine Stunde Mikrowelle für fünf Sekunden Film. Aber diese Zahl steht nie allein. Der ganze Film, 75 Minuten, kommt auf rund 900 Kilowattstunden. Das klingt nach viel. Es ist die Energie, die ein einziger Fluggast in etwa drei Flugstunden verbrennt – Zürich – Kairo, eine Person, einfach. Und jetzt halten wir dagegen, was eine konventionelle Produktion frisst. Ein Team reist an den Drehort, oft Dutzende Leute, manchmal um die halbe Welt. Scheinwerfer, Generatoren, Materialtrucks, Catering, Hotels, das über Wochen. Anschliessend Spezialeffekte und 3D-Rendering. Dagegen wirke der Energieverbrauch eines KI-Films – selbst wenn jede Sekunde 5 mal erzeugt worden ist – eher wie ein Rundungsfehler. Wer die Energie ins Feld führt, müsste konsequent sein und jede normale Produktion gleich mitverurteilen. Das tut niemand. Darum ist das Energie-Argument kein Argument. Es ist ein Vorwand.
Quellen
Primärquellen (Festival-/Studio-bestätigt):
- Tribeca Festival Sets First Premiere of Fully AI-Generated Film, ’Dreams of Violets’ – Corbin Bolies, Variety
- Tribeca to Premiere Fully AI-Generated Iranian Resistance Movie ’Dreams of Violets’ – Etan Vlessing, The Hollywood Reporter (mit Statement von Jane Rosenthal und Director’s Statement von Ash Koosha)
Weitere Quellen:
- An All AI-Generated Film Is Coming to Tribeca and It’s Sure to Raise Eyebrows – Kory Grow, Rolling Stone
- Tribeca Becomes First Major Festival to Select AI-Generated Feature – Jordan Ruimy, World of Reel
- No cast, no crew, no cameras: AI-generated film premiering at Tribeca Festival – CBC News (mit Statement von Kate Ziegler, ACTRA Toronto)
- The AI Film ’Dreams of Violets’ Is How You Get Me to Hate Movies – Jaron Schneider, PetaPixel (Seed-Artikel, Meinung/contra)
- A Feature-Length AI-Generated ’Live Action’ Movie Is Premiering at Tribeca for Some Reason – Jeremy Gray, PetaPixel (Originalmeldung mit Energie-/Kostenkritik)
- Artificial Intelligence – Topic-/Positionsseite, SAG-AFTRA
- AI in Film Sparks Debate at Cannes 2026 – AI CERTs News (Kontext Cannes-Verbot im Wettbewerb)
- Ash Koosha im Interview bei CBS News, «The Daily Report», 29. Mai 2026 (Video)




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