Ein KI-Film am Tribeca-Festival: Was bei «Dreams of Violets» feststeht und worüber gestritten wird

Ende Mai 2026 wur­de bekannt: Ein voll­stän­dig KI-gene­rier­ter Film läuft im offi­zi­el­len Pro­gramm des Tri­be­ca Film Festi­vals. «Dreams of Vio­lets» ist ein 75-minü­ti­ger Spiel­film über die ira­ni­schen Pro­te­ste vom Janu­ar. Pre­mie­re ist der 10. Juni in New York. Das Stu­dio Foun­tain 0, nennt ihn den ersten abend­fül­len­den, voll­stän­dig KI-gene­rier­ten Live-Action-Film im regu­lä­ren Pro­gramm eines gros­sen Festi­vals. Innert Tagen ent­stand eine brei­te Debat­te: über Slop und Authen­ti­zi­tät, über Arbeits­plät­ze und Trai­nings­da­ten, über die Rol­le von Festi­vals als Tür­ste­her des Kinos.

Was feststeht, wer dafür ist und wer dagegen…

Meh­re­re unab­hän­gi­ge Bran­chen­me­di­en bestä­ti­gen die Eck­punk­te über­ein­stim­mend, gestützt auf die Mit­tei­lung von Foun­tain 0 und ein State­ment der Festi­val­lei­tung:

Was offen oder nur Behaup­tung ist: Die Eti­ket­te «erster voll­stän­dig KI-gene­rier­ter Live-Action-Film im offi­zi­el­len Pro­gramm eines gros­sen Festi­vals» stammt von Foun­tain 0 selbst. Die Bran­chen­pres­se gibt sie als Anspruch des Stu­di­os wie­der, nicht als geprüf­te Tat­sa­che. Auch die Kosten­an­ga­be von 2’000 Dol­lar ist eine Stu­dio­an­ga­be; Kri­ti­ker hal­ten sie für irre­füh­rend (sie­he unten). Den mensch­li­chen Anteil – Dreh­buch, ein­ge­spro­che­ne Stim­men, Bild­ge­stal­tung – betont das Stu­dio, von aus­sen lässt er sich aber kaum veri­fi­zie­ren.

Die Debatte

Die Argumente dafür

Festi­val-Begrün­dung – KI als Erzähl­mit­tel. Jane Rosen­thal ver­tei­digt die Pro­gram­mie­rung: Tri­be­ca habe «long cham­pio­ned artists who push the boun­da­ries». Bewegt habe nicht der tech­ni­sche Coup, son­dern die emo­tio­na­le Dring­lich­keit der Geschich­te (Hol­ly­wood Repor­ter).

Der Regis­seur – KI als ein­zig mög­li­cher Weg. Ash Koo­sha argu­men­tiert, ohne Zugang zu Iran, Crew oder Schau­spie­len­den im Exil sei der Film anders nicht mach­bar gewe­sen. Die Alter­na­ti­ve, so Koo­sha sinn­ge­mäss in sei­nem State­ment, sei Schwei­gen und Ver­ges­sen gewe­sen – das vom Regime bevor­zug­te Ergeb­nis (Varie­ty, Rol­ling Stone).

Demo­kra­ti­sie­rung – Werk­zeug gegen finan­zi­el­le Schran­ken. Koo­sha und sein Bru­der Pooya posi­tio­nie­ren die Foun­tain-0-Tech­nik als Hil­fe für unab­hän­gi­ge Film­schaf­fen­de, deren gröss­te Hür­de der Zugang zu Geld sei (Hol­ly­wood Repor­ter). Auch in der Online-Dis­kus­si­on lob­ten Stim­men, dass die Brü­der die klas­si­schen Stu­dio-Tür­ste­her umgan­gen hät­ten (zusam­men­ge­fasst bei CBC News).

Die Argumente dagegen

Ästhe­tik und Authen­ti­zi­tät – «Slop». Am schärf­sten urteilt Jaron Schnei­der in der bewusst ein­sei­ti­gen Kolum­ne des Aus­gangs­ar­ti­kels: Der Film sehe «obvious­ly AI gene­ra­ted» aus, die Gesich­ter wirk­ten höl­zern, vie­le Ein­stel­lun­gen ergä­ben kei­nen Sinn (Peta­Pi­xel). Das ist eine poin­tier­te Ein­zel­stim­me, aber auch Schnei­der hat noch nicht mehr als den You­tube-Trai­ler gese­hen – und da hat für mich schon so man­cher Film über­haupt kei­nen Sinn gemacht.

Arbeits­plät­ze – die Gewerk­schafts­per­spek­ti­ve. Kate Zieg­ler, Prä­si­den­tin der kana­di­schen Schau­spiel­ge­werk­schaft ACTRA Toron­to, äus­ser­te gegen­über CBC Sor­ge, dass KI Jobs ver­nich­te und «the crea­ti­ve spi­rit of the huma­ni­ty in us» beschä­di­ge; die Film­bran­che sei dabei «a cana­ry in the coal mine» (CBC News). Die­se Sor­ge fügt sich in eine brei­te­re Linie: SAG-AFTRA warnt seit Län­ge­rem, KI-Werk­zeu­ge könn­ten «under­cut the abili­ty of human talent to earn a liveli­hood» (SAG-AFTRA).

Res­sour­cen und irre­füh­ren­de Kosten. Peta­Pi­xel-Autor Jere­my Gray hält die 2’000-Dol­lar-Anga­be für irre­füh­rend und ver­weist auf den hohen Ener­gie­ver­brauch gene­ra­ti­ver Video­mo­del­le: Fünf Sekun­den Video ent­sprä­chen laut MIT Tech­no­lo­gy Review grob einer Stun­de Mikro­wel­len­be­trieb (Peta­Pi­xel, Ori­gi­nal­mel­dung).

Urhe­ber­recht und Trai­nings­da­ten. Peta­Pi­xel weist dar­auf hin, dass die Stand­bil­der des Films kei­nen Urhe­ber­schutz erhal­ten kön­nen, weil sie KI-gene­riert sind – ein Ver­weis auf ein US-Beru­fungs­ge­richts­ur­teil von 2025 (Peta­Pi­xel). Auf wel­chen Daten die Model­le trai­niert wur­den, bleibt in der Bericht­erstat­tung offen.

Dazwischen und Kontext

Festi­val-Gate­kee­ping im Wan­del. Tri­be­ca nimmt den Film ins regu­lä­re Pro­gramm, wäh­rend Can­nes KI-gene­rier­te Fil­me aus dem offi­zi­el­len Wett­be­werb ver­bann­te. Der KI-Action­film «Hell Grind» lief in Can­nes nur über den Mar­ché du Film, nicht im Wett­be­werb (Varie­ty; zur Can­nes-Debat­te AI CERTs News). Die Festi­vals zie­hen die Gren­ze also unter­schied­lich.

Poli­tisch heik­les Sujet. Meh­re­re Beob­ach­ter, etwa Jor­dan Rui­my bei World of Reel, lesen die Pro­gram­mie­rung als «ris­ky». Sie ver­mu­ten aber, dass das poli­tisch auf­ge­la­de­ne The­ma Tri­be­ca teils gegen Kri­tik abschir­me (World of Reel). Die­sel­be Befürch­tung for­mu­liert Peta­Pi­xel von der Gegen­sei­te her: Kri­tik an der Tech­nik wer­de als Kri­tik am Anlie­gen umge­deu­tet (Peta­Pi­xel). Die Online-Reak­tio­nen waren laut CBC scharf geteilt.

Ash Koosha im O‑Ton

Im CBS-News-Inter­view vom 29. Mai 2026 zieht Koo­sha eine kla­re Gren­ze zwi­schen dem, was KI lie­fer­te, und dem, was er selbst bei­steu­er­te.

Mensch ver­sus Maschi­ne. «The wri­ting of the script, the ide­ati­on, the blocking, the enti­re crea­ti­ve force to make decis­i­ons – that is human­ma­de. What you see on the pic­tu­re, the end ren­de­ring of the foota­ge, is made using AI models.» KI gene­rier­te also die Bil­der; Dreh­buch, Sze­nen­auf­bau, Schnitt, Ton und Musik blie­ben in sei­nen Hän­den.

War­um kei­ne Crew, kei­ne Schau­spie­ler? Koo­sha beschreibt den Auf­wand, der nötig gewe­sen wäre: «I had to sit and watch and rese­arch around 3,000 images and foot­a­ges of the actu­al events. In order to crea­te a col­la­ge of the­se loca­ti­ons, it would take months to even prepa­re the loca­ti­ons, have a lar­ge bud­get to allo­ca­te the props and the peo­p­le.» Dann der ent­schei­den­de Satz: «There’s no way for me, not being a pro­fes­sio­nal film­ma­ker, to go get mil­li­ons of dol­lars to make this film. So it was just impos­si­ble.»

Geschwin­dig­keit als Not­wen­dig­keit. Der Film ent­stand neben sei­nem Haupt­be­ruf in zwei Mona­ten Abend­ar­beit. «I would have done this in three weeks if it was­n’t for my main job.» Für Koo­sha war Tem­po kein Gim­mick, son­dern Teil der Aus­sa­ge: eine per­sön­li­che, impul­si­ve Reak­ti­on auf ein Mas­sa­ker, das nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten soll.

Kein KI-Enthu­si­ast. Bemer­kens­wert ist Kooshas Selbst­ein­ord­nung: «I’m not neces­s­a­ri­ly the most vocal advo­ca­te for AI the way it is. I’ve work­ed in AI rese­arch for ten years, but I’m not pro AI in gene­ral.» Er sieht sei­nen Film als Anfangs­punkt, nicht als Blau­pau­se – und distan­ziert sich von der Eupho­rie der Bran­che.

Näch­ster Film: mit ech­ten Men­schen. Für sein zwei­tes Pro­jekt ändert Koo­sha den Ansatz: «Now I’m actual­ly get­ting real peo­p­le. I’m licen­sing voices. I’m licen­sing faces. In a fic­tion­al set­ting, you can give peo­p­le a share of the pro­fit for the work they do.» Ein Modell, das die Gewerk­schafts­kri­tik direkt adres­siert.

Hand­werk schlägt Knopf­druck. Koo­sha schliesst mit einer Beob­ach­tung, die über sei­nen eige­nen Film hin­aus­weist: «The­se models respond a lot bet­ter when some­bo­dy who knows the craft ope­ra­tes them – as oppo­sed to just any con­su­mer that would pick up the­se tools.» Die Demo­kra­ti­sie­rung hat Gren­zen: Das Werk­zeug ist bil­lig, aber das Wis­sen, es ein­zu­set­zen, nicht.

Mein Kommentar

Wenn ich mir den Trai­ler genau anschaue, sehe ich auch die eine oder ande­re Ein­stel­lung, die nicht ein­fach in der Kame­ra so ent­steht. Aber ich sehe kei­ne, die man nicht so gewollt hät­te. Bei einer kon­ven­tio­nel­len Pro­duk­ti­on hät­te man da wohl mit Spe­zi­al­ef­fek­ten (auch mit KI) nach­ge­hol­fen.

Ich bin ja ein Ver­fech­ter vom Zweck, der die Mit­tel hei­ligt. Wenn er die Geschich­te ohne KI nicht hät­te erzäh­len kön­nen, oder auch nur schlech­ter, dann ist KI abso­lut der rich­ti­ge Weg. Was ich ganz und gar nicht gel­ten las­se ist das Ener­gie-Argu­ment. Ja, KI Bewegt­bil­der ver­brau­chen Ener­gie. Eine Stun­de Mikro­wel­le für fünf Sekun­den Film. Aber die­se Zahl steht nie allein. Der gan­ze Film, 75 Minu­ten, kommt auf rund 900 Kilo­watt­stun­den. Das klingt nach viel. Es ist die Ener­gie, die ein ein­zi­ger Flug­gast in etwa drei Flug­stun­den ver­brennt – Zürich – Kai­ro, eine Per­son, ein­fach. Und jetzt hal­ten wir dage­gen, was eine kon­ven­tio­nel­le Pro­duk­ti­on frisst. Ein Team reist an den Dreh­ort, oft Dut­zen­de Leu­te, manch­mal um die hal­be Welt. Schein­wer­fer, Gene­ra­to­ren, Mate­ri­al­t­rucks, Cate­ring, Hotels, das über Wochen. Anschlies­send Spe­zi­al­ef­fek­te und 3D-Ren­de­ring. Dage­gen wir­ke der Ener­gie­ver­brauch eines KI-Films – selbst wenn jede Sekun­de 5 mal erzeugt wor­den ist – eher wie ein Run­dungs­feh­ler. Wer die Ener­gie ins Feld führt, müss­te kon­se­quent sein und jede nor­ma­le Pro­duk­ti­on gleich mit­ver­ur­tei­len. Das tut nie­mand. Dar­um ist das Ener­gie-Argu­ment kein Argu­ment. Es ist ein Vor­wand.

Quellen

Pri­mär­quel­len (Festi­val-/Stu­dio-bestä­tigt):

Wei­te­re Quel­len:

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