Kampf den Sternchen, Unterstrichen und Doppelpunkten

Gen­dern ist in – (theo­re­tisch) zurecht, aber prak­tisch nutz­los! Eines ist klar: «Schau­spie­ler», «Sie­ger» und «Red­ner» sind höch­stens höchst theo­re­tisch gen­der­neu­tral. Als Wort­ar­bei­ter (!) ist mir schon aus pro­fes­sio­nel­len Grün­den dar­an gele­gen, dass Wor­te genau bere­chen­ba­re Reak­tio­nen in den Emp­fangs­hir­nen aus­lö­sen. Durch das, in der Deut­schen Spra­che unglück­lich gewähl­te, gene­ri­sche Mas­ku­li­num, fehlt uns tat­säch­lich die Mög­lich­keit sol­che Funk­tio­nen oder Grup­pen kor­rekt zu benen­nen. Dar­um ist Gen­dern nicht die rich­ti­ge Lösung. Wenn ich von «den Kun­den» spre­che oder schrei­be, mei­ne ich nicht die Kun­den und Kun­din­nen, son­dern ihre Mas­se, ihre Gesamt­heit, ihr Dur­schnitt. Kun­din­nen und Kun­den ver­hal­ten sich näm­lich ziem­lich unter­schied­lich – wer’s nicht glaubt soll mal mit dem andern Geschlecht durch das Ikea schlen­dern. Any­way… der Kun­de, der Poli­ti­ker oder der Ver­wal­tungs­rat sind wich­ti­ge Grup­pen und Funk­tio­nen, die ich ger­ne kor­rekt adres­sie­ren möch­te. So dass man sich weder auto­ma­tisch einen Typ im Anzug vor dem Auto­haus, noch eine Grup­pe älte­rer weis­ser Män­ner in Grup­pen­bild­auf­stel­lung vor Augen hat.

Ich brau­che eine gen­der­neu­tra­le Form, die ein­deu­tig klar­stellt, dass ich die Grup­pe mei­ne und nicht die höchst indi­vi­du­el­len Wesen – die zudem weit dif­fe­ren­zier­ter daher­kom­men als dass es mit einem simp­len :innen zu erle­di­gen wäre.

Ich will eine ent­gen­der­te Mög­lich­keit die ver­schie­de­nen Mas­sen, Grup­pen, Beru­fe und Funk­tio­nen beim Namen zu nen­nen, ohne dass das jedes Mal zu einem Inter­punk­ti­ons­ver­gleich der Diver­si­täts­an­stren­gun­gen ver­kommt. Ent­gen­dern ist der Weg!

Zum Glück müs­sen wir so ein System nicht mal mehr erfin­den, es gibt eines, das schon mehr als 30 Jah­re im Gebrauch ist und sogar in einem deutsch­spra­chi­gen Print­pro­dukt über vie­le Jah­re ver­wen­det wur­de. Aus­ser­dem ist es für Schwei­zer extrem nahe­lie­gend und kann auch pro­blem­los ohne Hals-OP gespro­chen wer­den.

Tho­mas Kron­schlä­ger hat sich Ent­gen­dern nach Phett­berg unter den Nagel geris­sen und in vie­len Sci­ence Slams kurz (und wie­ne­risch char­mant) auf den Punkt gebracht.

Kurz gesagt: Wir wer­fen Stern­chen, Dop­pel­punk­te und Binnen‑I über Bord und machen Per­so­nen­be­zeich­nun­gen neu­tral – les­bar, sprech­bar, ein­deu­tig. Die Metho­de ist nicht neu, nur ver­ges­sen. Her­mes Phett­berg hat sie 1992 in sei­ner FAL­TER-Kolum­ne ein­ge­führt und am Ende sei­ner Pre­digt­dien­ste die «Lesys» ange­spro­chen. Ger­ma­nist Tho­mas Kron­schlä­ger hat das spä­ter sau­ber auf­be­rei­tet und als pra­xis­taug­li­ches System erklärt.


Was ist Entgendern nach Phettberg?

Das Prin­zip ist radi­kal ein­fach:

War­um das gut ist: Es kate­go­ri­siert kein Geschlecht, lässt sich flüs­sig spre­chen (y wie in Baby) und bleibt gra­fisch schlicht – kein Inter­punk­ti­ons­wett­be­werb, kei­ne Vor­le­se­hür­den. Genau das brau­chen wir, wenn wir Gruppen/Funktionen adres­sie­ren, nicht indi­vi­du­el­le Geschlech­ter.


So setzt du es konsequent um (Mini-Stilguide)

1) Funk­tio­nen statt Per­so­nen­bil­der:

Du willst die Grup­pe bzw. Rol­le anspre­chen. Dann nimm die Y‑Form.

2) Gre­mi­en & Kol­lek­ti­ve:

Phett­berg ent­gen­dert Per­so­nen­be­zeich­nun­gen. Bei Gre­mi­en­na­men ent­schei­dest du nach Kon­text:

3) Kasus – ana­log zu «Baby»:

4) Anspra­che & Plu­ral-Power:

Für Anre­den ist die Form ide­al: Lie­be Kol­legyslie­be Mit­ar­bei­tysgeschätz­te Teil­neh­mys. Sie ist kurz, inklu­siv, sprech­bar.

5) Dosis steu­ern:

Du kannst kon­se­quent ent­gen­dern (Das Blog­gy Mül­ler …) oder situa­tiv, z. B. nur wenn das Geschlecht unbekannt/irrelevant ist. Im Plu­ral emp­feh­le ich es immer.


Praxisbeispiele


Theorie in drei Sätzen

  1. Ent­gen­dern nach Phett­berg ist eine neu­tra­le Per­so­nen­mar­kie­rung (-y/-ysdas-Arti­kel), ohne Son­der­zei­chen, seit 1992 im deutsch­spra­chi­gen Raum belegt (FAL­TER-Kolum­ne; spä­te­re Buch­aus­ga­be Hun­dert Hen­nendoku­men­tiert die Tex­te).
  2. Aus­spra­che & Gram­ma­tik sind intui­tiv (wie bei Baby/Babys), Pro­no­men fol­gen dem Neu­trum (seines), auf Wunsch mit (n.) zur Klar­stel­lung.
  3. Der Ansatz ist Werk­zeug, nicht Ideo­lo­gie: Wo Sicht­bar­ma­chung sinn­voll ist (z. B. Stu­di­en zur Geschlech­ter­ver­tei­lung), nut­ze ande­re For­men – der Werk­zeug­ka­sten darf meh­re­re Tools ent­hal­ten.

FAQ aus der Praxis

Klingt das nicht künst­lich?

Weni­ger als vie­le Alter­na­ti­ven. Lie­be Kol­legys spricht sich leich­ter als Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen oder Lie­be Kolleg:innen. Und du ver­mei­dest die unaus­sprech­ba­ren Zischen zwi­schen Gra­phemen und Stim­me.

Was ist mit «Kund­schaft»?

Kann man neh­men – bezeich­net aber ein Kol­lek­tiv, nicht die Rol­leKun­dys adres­siert Per­so­nen in der Funk­ti­on. Bei­de kön­nen neben­ein­an­der exi­stie­ren.

Darf ich Eigen­na­men «-y-en»?

Geht, ist aber Stil­fra­ge (das Blog­gy Mei­er). In offi­zi­el­len Tex­ten: lie­ber Funk­tio­nen ent­gen­dern, Eigen­na­men neu­tral las­sen.

Wie schrei­be ich das im Rechts­text?

Wo juri­sti­sche Ein­deu­tig­keit gefragt ist, nut­ze defi­nier­te Begrif­fe («Kun­dy» bezeich­net jede natür­li­che Per­son, die …») – funk­tio­nie­ren tut es, mass­geb­lich ist die Defi­ni­ti­on im Doku­ment.


Bot­tom line: Ent­gen­dern nach Phett­berg ist klarsprech­bar und funk­tio­nal. Genau das, was wir als Wort­ar­bei­ter wol­len: Wir­kung ohne Orna­men­te – und ohne das Publi­kum mit Typo­gra­fie­akro­ba­tik zu trak­tie­ren. Wenn es um Grup­pen, Rol­len und Funk­tio­nen geht, ist die Y‑Form mein Favo­rit. Alles ande­re ist optio­na­les Stil­mit­tel.

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