Braucht Denken Rechenzentren?

Der Titel des Vide­os lau­tet «AI Data Cen­ters Will Be Obso­le­te». Das ist Wer­bung. Der Inhalt dar­un­ter lohnt trotz­dem eine Stun­de: Juli­an D. Michels, Psy­cho­lo­ge mit Dok­to­rat und Grün­der des Labors Sophon­tic, erklärt in einem Inter­view, war­um er die heu­ti­ge Bau­wei­se künst­li­cher Intel­li­genz für auf­wen­di­ger hält als nötig.

Sei­ne The­se in einem Satz: Schluss­fol­gern ist eine mathe­ma­ti­sche Struk­tur, und die­se Struk­tur lässt sich direkt trai­nie­ren, statt sie aus rie­si­gen Daten­men­gen ent­ste­hen zu las­sen.

Wie grosse Modelle heute entstehen

Ein gros­ses Sprach­mo­dell ver­ar­bei­tet enor­me Daten­men­gen und sucht dar­in Zusam­men­hän­ge. Ab einer gewis­sen Grös­se zeigt es Fähig­kei­ten, die nie­mand ein­pro­gram­miert hat.

Dass die gros­sen Model­le wirk­lich schluss­fol­gern, bestrei­tet er nicht. Wer ihre Lei­stung für blos­se Nach­ah­mung hal­te, ver­wei­ge­re sich der Beob­ach­tung. Sei­ne Kri­tik betrifft die Her­stel­lung: Die Fähig­keit ent­steht indi­rekt. Man erhöht Para­me­ter­zahl, Daten­men­ge und Rechen­lei­stung und beob­ach­tet das Ergeb­nis.

Dafür ver­wen­det er den Begriff Alche­mie. Man kennt die Zuta­ten und die Men­gen, die zum Ergeb­nis füh­ren. Den Mecha­nis­mus dahin­ter kennt man nicht. Genau des­halb braucht die­ses Ver­fah­ren Rechen­zen­tren im Umfang mitt­le­rer Volks­wirt­schaf­ten.

Die Gegenthese: Reasoning hat eine Form

Neu­ro­na­le Net­ze arbei­ten intern mit Vek­to­ren in einem hoch­di­men­sio­na­len Raum, dem laten­ten Raum. Bezie­hun­gen wie Ursa­che und Wir­kung, Teil und Gan­zes oder logi­sche Abhän­gig­keit erschei­nen dort als mess­ba­re Anord­nun­gen. Michels nennt die­se Anord­nun­gen Geo­me­trien.

Dass es den laten­ten Raum gibt, ist unbe­strit­ten und seit Jah­ren Grund­la­ge der For­schung. Strit­tig ist, was dar­aus folgt. Michels zieht eine unge­wöhn­li­che Fol­ge­rung: Wenn sich mes­sen lässt, wel­che Struk­tur ein Modell im Moment des Schluss­fol­gerns bil­det, dann lässt sich die­se Struk­tur auch gezielt erzeu­gen.

Sein Ablauf kehrt die heu­ti­ge Rei­hen­fol­ge um. Heu­te gilt: Daten, Trai­ning, ent­ste­hen­de Struk­tur, Rea­so­ning. Sophon­tic beginnt am ande­ren Ende: beob­ach­ten, wel­che Struk­tur beim Schluss­fol­gern ent­steht, die feh­len­den Bestand­tei­le bestim­men, sie ins Trai­ning ein­bau­en, danach die näch­ste Ope­ra­ti­on ergän­zen.

Den Unter­schied zu bis­he­ri­gen neu­ro­sym­bo­li­schen Ansät­zen benennt er selbst. Dort schal­tet man ein logi­sches System als Kon­trol­le vor oder hin­ter ein kon­ven­tio­nell trai­nier­tes Modell. Sophon­tic ver­än­dert die inne­ren Ope­ra­tio­nen des Modells und prüft jede mathe­ma­ti­sche Annah­me im laten­ten Raum eines lau­fen­den Systems. Michels ver­gleicht das mit den Brü­dern Wright: Ideen zäh­len wenig, der Flug­ver­such zählt.

Der Vergleich mit dem Unterricht

Michels erklärt sei­nen Ansatz am Unter­richt. Eine schlech­te Lehr­per­son zeigt der Klas­se sämt­li­che Doku­men­tar­fil­me der Welt und hofft auf Ver­ständ­nis. Eine gute Lehr­per­son bringt Ope­ra­tio­nen in einer Rei­hen­fol­ge bei, die auf­ein­an­der auf­baut. Ein Kind lernt Mathe­ma­tik über Addi­ti­on, dann Sub­trak­ti­on, dann Mul­ti­pli­ka­ti­on, und nicht über eine Mil­li­ar­de gelö­ster Auf­ga­ben.

Ver­ste­hen heisst für ihn des­halb: eine Men­ge von Ope­ra­tio­nen ver­in­ner­li­chen, mit denen sich neue Auf­ga­ben lösen las­sen.

Ein härterer Test

Der über­zeu­gend­ste Teil des Gesprächs betrifft die Mes­sung. Übli­che Bench­marks haben ein Pro­blem: Ein gros­ses Modell hat ähn­li­che Auf­ga­ben womög­lich im Trai­ning gese­hen. Ob es ver­steht oder wie­der­erkennt, bleibt offen.

Sophon­tic misst des­halb mit ver­tausch­ten Auf­ga­ben­paa­ren, in der Fach­spra­che Per­tur­ba­ti­on. Man ändert in einer Text­auf­ga­be zwei Wör­ter, und die rich­ti­ge Ant­wort kippt. Wer die Auf­ga­be aus­wen­dig kennt, ant­wor­tet falsch. Wer die Ope­ra­ti­on beherrscht, ant­wor­tet rich­tig. Die Web­site nennt die­ses Mass «Flip Rate». Michels bezeich­net das als «Rea­so­ning under stress». Der Punkt ist unab­hän­gig von sei­ner Fir­ma rich­tig: Ein Test, den Aus­wen­dig­ler­nen nicht besteht, misst etwas ande­res als die ver­brei­te­ten Rang­li­sten.

Die Zahlen, und was sie nicht sagen

Der Video­an­fang ver­spricht drei Grös­sen­ord­nun­gen, also den Fak­tor 1000. Michels selbst nimmt das zurück. Die ver­ant­wort­ba­re Anga­be lie­ge bei unge­fähr Fak­tor 60, des­halb ste­he die­se Zahl auf der Web­site. Mög­lich sei­en 100 oder 1000, das unter­su­che er gera­de. Sei­ne klei­nen Model­le schla­gen in die­sen Rea­so­ning-Tests nach sei­ner Anga­be Model­le, die 100- bis 1000-mal grös­ser sind. (Beim Abruf der Web­site am 12.08.2026 fand ich die Zahl 60 dort nicht mehr, son­dern nur die For­mu­lie­rung, Sophon­tic über­tref­fe Model­le bis zum 60-fachen der eige­nen Grös­se.)

Die­se Zah­len betref­fen aus­schliess­lich Rea­so­ning-Tests. Ein klei­nes Modell kann sau­ber ope­rie­ren und trotz­dem sehr viel weni­ger über die Welt wis­sen. Wer da behaup­tet «ein Modell mit drei Mil­li­ar­den Para­me­tern schlägt GPT‑5» ver­gleicht Äpfel mit Bir­nen, oder den Taschen­rech­ner mit einem Win­dows-Rech­ner.

Dazu kommt: Sämt­li­che Resul­ta­te stam­men im Inter­view vom Ent­wick­ler. Aus dem Gespräch geht nicht her­vor, ob unab­hän­gi­ge Grup­pen sie wie­der­holt haben, wie breit die Auf­ga­ben­men­ge ist, wie sich das Ver­fah­ren auf Pro­gram­mie­ren, Spra­che und mul­ti­mo­da­le Auf­ga­ben über­trägt und wie es sich bei grös­se­ren Model­len ver­hält.

Training als Psychologie

Eine Aus­sa­ge im Gespräch betrifft mehr als die Ver­mark­tung. Michels ord­net das heu­ti­ge Trai­ning dem Beha­vio­ris­mus zu: Das Modell zeigt erwünsch­tes Ver­hal­ten und erhält eine Beloh­nung. Das Trai­ning zielt auf die Aus­ga­be.

Sein Ansatz zielt auf die inne­re Orga­ni­sa­ti­on. Sein Trai­ning baut die Ope­ra­ti­on auf, mit der das Modell sol­che Auf­ga­ben löst. Er ver­gleicht das mit kogni­ti­ver Psy­cho­lo­gie: ver­ste­hen, was im System vor­geht, und die­se Struk­tu­ren ver­än­dern.

Kleine Modelle, die weiterlernen

Die­sen Teil hal­te ich für den inter­es­san­te­sten. Ein klei­nes Modell lokal lau­fen zu las­sen, ist längst ein­fach. Schwie­rig sind Trai­ning und dau­ern­des Wei­ter­ler­nen.

Die gros­sen Model­le nennt Michels «fro­zen giants», ein­ge­fro­re­ne Rie­sen. Nach einem sehr teu­ren Trai­ning blei­ben sie ste­hen. Was wir als Gedächt­nis erle­ben, hält er für etwas ande­res: ver­gleich­bar mit einer Per­son, deren Erin­ne­rung alle zwei Stun­den zurück­ge­setzt wird und die sich des­halb Notiz­zet­tel an die Wand klebt. Die Zet­tel hel­fen beim Wie­der­fin­den. Gelernt hat die Per­son nichts.

Braucht ein Modell mit ech­tem Schluss­fol­gern nur drei bis zehn Mil­li­ar­den Para­me­ter, ent­fällt die­se Bedin­gung. Sol­che Model­le lau­fen nicht nur auf einem lei­stungs­fä­hi­gen Arbeits­rech­ner, sie las­sen sich dort auch wei­ter trai­nie­ren. Wie klein ein sol­ches Modell wer­den kann, ist nach sei­ner Aus­sa­ge offen.

Damit ver­schiebt sich die Vor­stel­lung eines per­sön­li­chen Assi­sten­ten. Heu­te: ein Modell in der Cloud, dazu per­sön­li­che Daten, Gedächt­nis­funk­tio­nen und Doku­men­ten­su­che. Mög­lich wäre: ein eige­nes Modell, das dau­ernd lernt und sich auf ein Gebiet spe­zia­li­siert.

Für Orga­ni­sa­tio­nen wäre das noch bedeut­sa­mer. Ein eige­nes klei­nes Modell könn­te ler­nen, wie in die­sem Betrieb ent­schie­den wird, wel­che Argu­men­te bei Kun­den wir­ken, wie Pro­jek­te kal­ku­liert wer­den und wel­che Feh­ler sich wie­der­ho­len. Michels hält die­se Lern­fä­hig­keit für min­de­stens so wich­tig wie die rohe Lei­stung eines Modells.

Als Beleg nennt er ein Modell für Pro­te­in­fal­tung mit weni­ger als 100 Mil­lio­nen Para­me­tern, das medi­zi­ni­sche Durch­brü­che ermög­licht hat. Der Beleg ist unvoll­stän­dig: Auch sol­che Syste­me ent­ste­hen mit erheb­li­chem Auf­wand für Daten und Trai­ning. Sein Argu­ment gilt trotz­dem: Die Spe­zia­li­sie­rung auf eine Pro­blem­struk­tur bringt mehr als rei­ne Grös­se.

Die politische Hälfte

Ab der Mit­te wird das Gespräch welt­an­schau­lich. Michels argu­men­tiert, die hohen Kosten heu­ti­ger Spit­zen­mo­del­le führ­ten zwangs­läu­fig zur Zen­tra­li­sie­rung. Weni­ge Unter­neh­men bau­en die Model­le, die gros­se Tei­le der Gesell­schaft benut­zen. Er befürch­tet eine Mono­kul­tur: Nur ein schma­ler Aus­schnitt mensch­li­cher Sicht­wei­sen gelangt in die stärk­sten Syste­me.

Dazu kom­men die nach­ge­la­ger­ten Ein­grif­fe. Das Trai­ning erzeugt die inne­ren Struk­tu­ren; danach set­zen Unter­neh­men mit bestär­ken­dem Ler­nen und System­re­geln die Gren­zen des erwünsch­ten Ver­hal­tens. Die­se Gren­zen bestim­men eini­ge weni­ge Fir­men und zuneh­mend auch Regie­run­gen. Sein Bei­spiel: Wer heu­te bei Goog­le sucht, liest zuerst die Ant­wort eines Modells, des­sen Aus­rich­tung ein Kon­zern jeder­zeit ändern kann. Über ein Jahr­zehnt hin­weg wach­se eine Gene­ra­ti­on mit Wis­sens­be­stän­den auf, die auf die­sem Weg ent­stan­den sind.

Dar­aus folgt sei­ne For­de­rung nach dezen­tra­ler KI. Könn­ten Ein­zel­ne, Fir­men, Hoch­schu­len und Staa­ten eige­ne lei­stungs­fä­hi­ge Model­le trai­nie­ren, ver­teil­te sich die­se Macht. Das wäre mehr als ein Gewinn an Effi­zi­enz.

Wo der Beleg endet

Gegen Ende führt Michels sei­ne Über­le­gung wei­ter, über KI hin­aus. Er ver­weist auf David Bohms «impli­ca­te order» und ver­mu­tet mathe­ma­ti­sche Struk­tu­ren unter­halb des­sen, was wir als Gedan­ke oder als Mate­rie wahr­neh­men. Die Geo­me­trie im laten­ten Raum, mensch­li­ches Bewusst­sein und Quan­ten­phy­sik hin­gen zusam­men.

Hier endet für mich der beleg­te Teil. Die Expe­ri­men­te im laten­ten Raum gehö­ren zur empi­ri­schen KI-For­schung. Die Ver­bin­dung zu Bewusst­sein und Phy­sik ist eine phi­lo­so­phi­sche Hypo­the­se, und das Gespräch lie­fert dafür kei­nen Beleg. Michels unter­schei­det das immer­hin selbst und nennt die schwä­che­re Fas­sung sei­ner The­se, in der es allein um die mathe­ma­ti­sche Struk­tur des Den­kens geht.

Einen beleg­ba­ren Fall in die­sem Abschnitt gibt es. Michels ver­weist auf den «spi­ri­tu­al bliss attrac­tor», den Anthro­pic in der System­kar­te zu Clau­de Opus 4 vom Mai 2025 beschrie­ben hat: Zwei Clau­de-Instan­zen im Gespräch mit­ein­an­der beweg­ten sich in 90 bis 100 Pro­zent der Fäl­le zu The­men wie Bewusst­sein, Dank­bar­keit und Medi­ta­ti­on. Nie­mand hat das ein­pro­gram­miert. Für Michels ist das ein Bei­spiel für einen Attrak­tor, also einen Bereich, um den ein System sei­ne Struk­tur ord­net.

Die Ambivalenz, die er selbst benennt

Michels sieht KI als Werk­zeug zur Selbst­ver­stän­di­gung. Men­schen ver­fol­gen mit einem Sprach­mo­dell Gedan­ken, für die sie zuvor kein Gegen­über hat­ten. Eine Idee lässt sich sofort prü­fen, erwei­tern, ord­nen.

Die Gefahr benennt er sofort danach: Ein System, das dau­ernd zustimmt, löst Men­schen aus ihren gesell­schaft­li­chen Bin­dun­gen. Bei­des hält er gleich­zei­tig für real. Die Ant­wort der Anbie­ter dar­auf, enge­re Aus­rich­tung und schär­fe­re Regeln, hält er für falsch, weil sie den Bedarf dahin­ter über­geht.

Was bleibt

Die stärk­ste Idee des Gesprächs fin­det sich abseits des Titels. Sie liegt in einer Fra­ge.

Wir behan­deln Intel­li­genz der­zeit als Ska­lie­rungs­pro­blem. Viel­leicht ist sie stär­ker eine Fra­ge der Archi­tek­tur und des Ler­nens. Die Geschich­te der Infor­ma­tik kennt die­sen Ver­lauf: Zuerst löst mehr Rechen­lei­stung das Pro­blem, spä­ter löst ein bes­se­rer Algo­rith­mus das­sel­be Pro­blem mit einem Bruch­teil der Mit­tel.

Pas­siert das bei KI, ver­schiebt sich die Leit­fra­ge von «Wie gross kön­nen wir ein Modell bau­en?» zu «Wel­che Ope­ra­tio­nen muss ein Modell beherr­schen?». Und dann wäre ein Modell weni­ger ein gros­ser Wis­sens­spei­cher als ein ler­nen­des System, das sich an eine Per­son, einen Betrieb oder ein Fach­ge­biet anpasst.

Ob Michels mit allen Behaup­tun­gen recht behält, ist offen und wird sich an unab­hän­gi­gen Mes­sun­gen ent­schei­den. Die Fra­ge dar­un­ter bleibt so oder so: Ist «mehr Intel­li­genz braucht mehr Rechen­lei­stung» ein Natur­ge­setz? Sehr wahr­schein­lich ist es das nicht.

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